{"id":474,"date":"2018-09-10T21:18:02","date_gmt":"2018-09-10T19:18:02","guid":{"rendered":"http:\/\/schlu.de\/?p=474"},"modified":"2020-10-03T21:37:39","modified_gmt":"2020-10-03T19:37:39","slug":"wilhelm-hug-wirklich-ein-ehrenbuerger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schlu.de\/?p=474","title":{"rendered":"Wilhelm Hug: Wirklich ein Ehrenb\u00fcrger?"},"content":{"rendered":"\n<p>Wilhelm Hug (1880 \u2013 1966) wird gelegentlich als Ehrenb\u00fcrger\nvon Jestetten bezeichnet, allerdings sind die Umst\u00e4nde der Ernennung Hugs zum\nEhrenb\u00fcrger unklar. So nennt Wikipedia Hug auch \u201enur\u201c unter \u201ePers\u00f6nlichkeiten,\ndie mit der Gemeinde in Verbindung stehen\u201c (abgerufen am 10. September 2019).\nHier soll nun versucht werden, die unterschiedlichen Sichten darzustellen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst zur Person von Wilhelm Hug, der 1923 Dienstvorstand\ndes Forstamtes Jestetten wurde. 1932 wurde er wegen seiner politischen\nT\u00e4tigkeit in der NSDAP in den einstweiligen Ruhestand versetzt. Der gro\u00dfe\nKarrieresprung kam 1933, als Hug Landesforstmeister von Baden wurde. <\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Karrieresprung kamen auch Ehrungen, so berichtete\ndas \u201eTagblatt vom Oberrhein\u201c am 21. Juni 1933 aus Grie\u00dfen:<\/p>\n\n\n\n<p><em>In seiner ersten\nSitzung hat der neue Gemeinderat beschlossen, Herrn Landesforstmeister Wilhelm\nHug das Ehrenb\u00fcrgerrecht der Gemeinde Grie\u00dfen anzutragen. Ferner wurde die\nUmbenennung der Schaffhauser- in Adolf Hitler-Stra\u00dfe beschlossen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Verh\u00e4ltnisse in Jestetten nicht so klar sind, das zeigte sich sp\u00e4testens nach dem Tod Hugs am 12. Oktober 1966. Die Jestetter Gemeindeverwaltung suchte im Archiv, konnte aber keine Belege f\u00fcr die Ernennung Hugs zum Ehrenb\u00fcrger finden. B\u00fcrgermeister Holzscheiter nahm wegen einer Termin\u00fcberschneidung nicht an der Beerdigung am 14. Oktober 1966 teil, er hatte aber zuvor einen Kranz auf dem Friedhof abgegeben. Der Text auf der Schleife des Kranzes lautete \u201eZum letzten Gruss und Dank &#8211; Gemeinde Jestetten\u201c (Aktenvermerk vom 7. November 1966).<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jestetter Rathaus glaubte der Kassenverwalter Danner, sich an die Ereignisse im Jahr 1934 zu erinnern. In einem Aktenvermerk vom 27. Oktober 1966 spricht Danner klar von einer Ernennung als Ehrenb\u00fcrger. Es sei damals eine \u201ek\u00fcnstlerisch gestaltete Ehrenurkunde\u201c ausgestellt worden, und gem\u00e4\u00df seiner Erinnerung habe diese Urkunde folgenden Inhalt gehabt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Wir,\nB\u00fcrgermeister und Rat der badischen Gemeinde Jestetten ernennen den\nLandesforstmeister<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>W\ni l h e l m &nbsp;H u g<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>zum Ehrenb\u00fcrger unserer Gemeinde.<\/em><br><em>Die Ernennung erfolgt in W\u00fcrdigung der Verdienste um den nationalen Wiederaufbau Oberbadens.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Diese Urkunde sei \u201evon B\u00fcrgermeister M.Guthier und den\nGemeinder\u00e4ten Friedrich Meister, Oskar Stadler und Josef Wipf\u201c unterzeichnet\nund dann vom B\u00fcrgermeister dem Geehrten in Karlsruhe \u00fcbergeben worden. Da die\nKopie der Urkunde nicht mehr im Archiv auffindbar war, vermutete die\nVerwaltung, dass diese Kopie 1945 oder danach aus dem Archiv entfernt worden\nsei.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch wenn sich der Kassenverwalter sehr genau zu erinnern\nglaubte, muss man das doch kritisch hinterfragen; denn in den 32 Jahren seit\n1934 k\u00f6nnen sich einige Irrt\u00fcmer in die Erinnerung &nbsp;einschleichen.<\/p>\n\n\n\n<p>Zun\u00e4chst einmal ist unklar, warum Gemeinder\u00e4te diese Urkunde unterschreiben sollten; typisch w\u00e4ren B\u00fcrgermeister und Gemeindeschreiber. Und die Verleihung der Ehrenb\u00fcrgerschaft h\u00e4tte auch an einigen Stellen Kosten verursacht: Die genannte Ehrenurkunde, ein Geschenk f\u00fcr den Geehrten, Fahrtkosten des B\u00fcrgermeisters usw.; alles h\u00e4tte bezahlt werden m\u00fcssen, und diese Kosten m\u00fcssten auch belegt sein.<\/p>\n\n\n\n<p>Dies sind zun\u00e4chst nur Indizien, dass die Erinnerung tr\u00fcgt.\nZweifel an einer Ernennung Hugs zum Ehrenb\u00fcrger bringt aber auch ein Brief des\nbadischen Innenministers vom 17. April 1934, den die Gemeinde Jestetten am 26.\nApril empfangen hat. <\/p>\n\n\n\n<p><em>Der Herr Reichsminister des Innern hat entsprechend einem Wunsch des\nStellvertreters des F\u00fchrers darum gebeten, Sorge zu tragen, dass Verleihungen\nweiterer Ehrenb\u00fcrgerschaften an Inhaber \u00f6ffentlicher \u00c4mter in Reich, Staat\nunterbleiben und dass Strassenum- und Neubenennungen nicht mehr stattfinden.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Im gleichen Jahr wie die vermeintliche Ehrung von h\u00e4tte\nstattfinden sollen ist das Verbot solcher Ehrungen ausgesprochen worden!<\/p>\n\n\n\n<p>Dies f\u00fchrt zur Hypothese, dass Jestetten nie Wilhelm Hug zum\nEhrenb\u00fcrger ernannt hat. Vielleicht gab es Anfang 1934 konkrete \u00dcberlegungen\ndazu, vielleicht wurde ein Entwurf einer Ehrenurkunde gemacht, aber die\nErnennung wurde dann durch die Anweisung vom 17. April verhindert. Es w\u00e4re auch\nm\u00f6glich, dass man Wilhelm Hug dar\u00fcber informiert hat, dass man ihn gerne als Ehrenb\u00fcrger\ngesehen h\u00e4tte. Diese Hypothese w\u00fcrde erkl\u00e4ren, warum man Hug als Ehrenb\u00fcrger\nbezeichnet hat, im Archiv aber keine Unterlagen zu finden waren.<\/p>\n\n\n\n<p>Auch bei der Bewertung der Person von Wilhelm Hug gibt es unterschiedliche Sichtweisen. In seinem Aktenvermerk von 1966 erw\u00e4hnt B\u00fcrgermeister Holzscheiter den Einsatz Hugs gegen die Aufhebung des Zollausschlussgebiets; glaubt man B\u00fcrgermeister Holzscheiter, so war Hug vor allem eine Art &#8222;gutm\u00fctiger Vereinsmeier&#8220;.<\/p>\n\n\n\n<p>Schaut man sich dies aber genauer an, so erscheinen solche Charakterisierungen als nicht unbedingt glaubw\u00fcrdig. Die genannten  \u201eVerdienste um den nationalen Wiederaufbau Oberbadens\u201c haben nicht viel mit Jestetten zu tun. Auch der Einsatz f\u00fcr den von Holzscheiter ach so geliebten Zollausschluss ist halt typisch f\u00fcr diktatorische Systeme. Und dass ein hoher Funktion\u00e4r der NSDAP tats\u00e4chlich so unpolitisch gewesen ist, das ist f\u00fcr die Endphase der Weimarer Republik doch unglaubw\u00fcrdig. <\/p>\n\n\n\n<p>Das Tagblatt vom Oberrhein vom 7. April 1932 schreibt anl\u00e4sslich der Versetzung in den einstweiligen Ruhestand:<\/p>\n\n\n\n<p><em>H. ist bekanntlich einer der wildesten nationalsozialistischen Agitatoren. Mag er es sein. Aber dann kann er kein Beamter des Staates sein, den er ha\u00dft und bek\u00e4mpft.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>\u00c4hnlich hatte die &#8222;Schaffhauser Zeitung&#8220; am 5. April 1932 geschrieben. Im Artikel wird erw\u00e4hnt, dass Hug &#8222;die nationalsozialistische Bewegung im Zollausschlu\u00dfgebiet und dar\u00fcber hinaus&#8220; geleitet habe. Die politische Bet\u00e4tigung Hugs wird als &#8222;heftigste Agitation&#8220; charakterisiert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zusammenfassung:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ehrenb\u00fcrgerschaft und auch die bisherige Charakterisierung der Person Wilhelm Hug erscheinen fragw\u00fcrdig.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator\"\/>\n\n\n\n<p><em>Konrad Schlude<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Wilhelm Hug (1880 \u2013 1966) wird gelegentlich als Ehrenb\u00fcrger von Jestetten bezeichnet, allerdings sind die Umst\u00e4nde der Ernennung Hugs zum Ehrenb\u00fcrger unklar. 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