{"id":465,"date":"2019-09-02T19:49:14","date_gmt":"2019-09-02T17:49:14","guid":{"rendered":"http:\/\/schlu.de\/?p=465"},"modified":"2019-09-02T19:49:14","modified_gmt":"2019-09-02T17:49:14","slug":"die-eisenbahn-kommt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schlu.de\/?p=465","title":{"rendered":"Die Eisenbahn kommt"},"content":{"rendered":"\n<p>Beim Ausdruck \u201eDie Eisenbahn kommt\u201c mag man an einen heranbrausenden Zug denken, in seinem gleichnamigen Bild zeigt Albert Anker aber eine ganz andere Szene vor dem Bau der Eisenbahnstrecke.<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Jezler beschreibt die Szene\nwie folgt:<\/p>\n\n\n\n<p><em>Auf dem Weg zwischen Dorf und Obstgarten nehmen zwei Vermesser mittels Theodolit das Gel\u00e4nde auf. Die Kinder von Ins sitzen im Gras und verfolgen das Geschehen. <\/em><br><em>Harmlos k\u00fcndigt sich die neue Zeit an. Doch schon bald wird der Spiel- und Lebensraum durchschnitten sein, wird jede Zugsdurchfahrt L\u00e4rm und Gefahr bedeuten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Es ist anzunehmen, dass es beim Bau der Eisenbahn durch Jestetten \u00e4hnliche Szenen gegeben hat, als fremde Leute ins Dorf gekommen sind und Vermessungen durchgef\u00fchrt haben. Da die Strecke durch Jestetten seit mehr als 120 Jahren ist Betrieb ist, kann sich heute niemand mehr an die Zeit vor dem gewaltigen Umbruch der Anbindung unserer Gemeinde an das gro\u00dfe Eisenbahnnetz erinnern. Dazu geh\u00f6rt auch das Erlebnis einer Landschaft, die nicht von einer Eisenbahnstrecke durchschnitten und geteilt wird. Wir kennen nur den aktuellen Zustand, eine Vorstellung der Landschaft ohne Eisenbahnlinie oder von einer anderen Streckenf\u00fchrung haben wir nicht. Wie Pl\u00e4ne im Archiv von SBB Historic zeigen, wurden unterschiedliche M\u00f6glichkeiten gepr\u00fcft. <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Varianten<\/h2>\n\n\n\n<p>Ein Plan \u201eVarianten\u201c (008_069_01) vom 30. Oktober 1891 zeigt drei verschiedene M\u00f6glichkeiten einer Streckenf\u00fchrung durch Jestetten. <\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"588\" src=\"http:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Varianten-1024x588.jpg\" alt=\"Plan &quot;Varianten&quot; vom 30. Oktober 1891\" class=\"wp-image-467\" srcset=\"https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Varianten-1024x588.jpg 1024w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Varianten-300x172.jpg 300w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Varianten-768x441.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Plan &#8222;Varianten&#8220; vom 30. Oktober 1891<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Jede dieser Varianten hat ihre Vor-\nund Nachteile bez\u00fcglich Aufwand von Erdbewegungen (D\u00e4mme und Einschnitte),\nKunstbauten (Tunnel und Br\u00fccken) und beschrankten Bahn\u00fcberg\u00e4ngen. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Da ist zum einen die \u201eNordvariante\u201c\nmit dem Bahnhof im Bereich der heutigen Bivangbl\u00f6cke 16 bis 20. Im weiteren\nVerlauf Richtung Schaffhausen biegt die Strecke noch weiter n\u00f6rdlich ab und\nf\u00fchrt dann durch die Au, d.h. n\u00f6rdlich am Dankholz vorbei statt wie heute\ns\u00fcdlich. Der Vorteil dieser Strecke mag in einem g\u00fcnstigeren L\u00e4ngenprofil\n(H\u00f6hen- oder Streckenprofil) gelegen haben. <\/p>\n\n\n\n<p>Die \u201eMittelvariante\u201c f\u00fchrt mitten\ndurchs heutige Dorf, etwas s\u00fcdlich der heutigen Schwarzwaldstra\u00dfe, quert beim\nHombergbrunnen die Hombergstra\u00dfe. Der Bahnhof ist hier am heutigen Standort. Die\nheutige Streckenf\u00fchrung ist somit eine Kombination von Nord- u. Mittelvariante.<\/p>\n\n\n\n<p>Dass es dabei noch Untervarianten gegeben hat, das zeigen weitere Pl\u00e4ne. So zeigt ein Plan vom 7. September 1892 die \u201eN.O.B. Variante\u201c im Vergleich mit der \u201eVariante Unmuth\u201c (16-08 070-01). Die \u201eN.O.B. Variante\u201c entspricht der heutigen Streckenf\u00fchrung, aber mit Bahnhof in der Bivangstra\u00dfe (analog zur zuvor genannten Nordvariante). Die \u201eVariante Unmuth\u201c ist die zuvor genannte Mittelvariante, aber der Bahnhof w\u00e4re hier westlich der Hombergstra\u00dfe, parallel zur Schwarzwaldstra\u00dfe gewesen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"1024\" height=\"534\" src=\"http:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1892_09_07_Vergleich_Varianten-1024x534.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-471\" srcset=\"https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1892_09_07_Vergleich_Varianten-1024x534.jpg 1024w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1892_09_07_Vergleich_Varianten-300x156.jpg 300w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1892_09_07_Vergleich_Varianten-768x400.jpg 768w\" sizes=\"auto, (max-width: 1024px) 100vw, 1024px\" \/><figcaption>Vergleich Untervarianten<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Bemerkenswert im Plan von 1891 ist eben\nnoch die \u201eS\u00fcdvariante\u201c; von Lottstetten her kommend, durchst\u00f6\u00dft diese Variante\nmit einem etwa 330 Meter langen Tunnel den Birret und wird dann unterhalb der\nTalm\u00fchle \u00fcber ein Viadukt \u00fcber den Volkenbach und s\u00fcdlich um Jestetten herum\ngef\u00fchrt. Der Bahnhof w\u00e4re bei dieser Variante in der N\u00e4he des Sportplatzes.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Tunnel w\u00e4re 330 Meter lang\ngewesen, das Viadukt w\u00e4re mit einer L\u00e4nge von rund 300 Metern und einer H\u00f6he\nvon etwa 35 Meter ziemlich eindr\u00fccklich gewesen. Ein L\u00e4ngenprofil mit Titel \u201eRoth\npunktirte Variante\u201c (067-01) vom 30. Oktober 1891 zeigt die Details:<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"915\" height=\"1024\" src=\"http:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Laengenprofil-915x1024.png\" alt=\"\" class=\"wp-image-466\" srcset=\"https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Laengenprofil-915x1024.png 915w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Laengenprofil-268x300.png 268w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Laengenprofil-768x859.png 768w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1891_10_30_Laengenprofil.png 952w\" sizes=\"auto, (max-width: 915px) 100vw, 915px\" \/><figcaption>L\u00e4ngenprofil der S\u00fcdvariante mit Tunnel und Viadukt \u00fcber den Volkenbach<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die S\u00fcdvariante ist offensichtlich\nbald aufgegeben worden, denn f\u00fcr die Folgejahre zeigen sich keine weiteren\nPl\u00e4ne.<\/p>\n\n\n\n<p>Diskussion um Bahnhof beim \u201eAutohaus\nCigolla\u201c.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Jestetter Dorfbuch wird auf Seite\n545 erw\u00e4hnt, dass der Alternativstandort des Bahnhofs beim \u201eAutohaus Cigolla\u201c (am\nheutigen Kreisverkehr) gewesen sei. Diese Aussage kann durch die Pl\u00e4ne im\nArchiv von SBB Historic nicht best\u00e4tigt werden, gem\u00e4\u00df diesen Unterlagen ist der\nAlternativstandort eben im Bereich der Bivangbl\u00f6cke gewesen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Umgehung von Jestetten<\/h2>\n\n\n\n<p>Auch nach dem Bau und der Einweihung\nunserer Eisenbahnstrecke im Jahr 1897 gab es Diskussionen \u00fcber die\nStreckenf\u00fchrung. So wurde im Jahr 1934 die Idee diskutiert, die Strecke nicht\nmehr \u00fcber deutsches Gebiet zu f\u00fchren. Ein Punkt, der zur Diskussion einer\nanderen Streckenf\u00fchrung unter Umgehung von deutschem Gebiet gef\u00fchrt hat, war\nvielleicht das Anhalten eines SBB Schnellzuges durch deutsche Beamte im Dezember\n1933.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" width=\"551\" height=\"291\" src=\"http:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1933_12_20_Artikel.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-469\" srcset=\"https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1933_12_20_Artikel.jpg 551w, https:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2019\/09\/1933_12_20_Artikel-300x158.jpg 300w\" sizes=\"auto, (max-width: 551px) 100vw, 551px\" \/><figcaption>Artikel aus dem &#8222;Walliser Volksfreund&#8220; vom 20. Dezember 1933<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Im Archiv von SBB Historic findet\nsich ein Brief der Sektion Z\u00fcrich des Schweizerischen Techniker-Verbandes an\nden Regierungsrat Z\u00fcrich. In diesem vom 15. Februar 1934 datierten Brief werden\nzahlreiche Arbeitsbeschaffungsma\u00dfnahmen vorgeschlagen, darunter unter Punkt 4:\n\u201eUmleitung der Bahnlinie nach Schaffhausen bei Jestetten und Lotstetten durch\nausschliessliches Schweizergebiet\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Im Antwortbrief vom 28. Februar 1934\nschreibt die SBB aber lapidar: \u201e \u2026 ein solches (Projekt) aller Voraussicht nach\nvon unserer Verwaltung in absehbarer Zeit nicht aufgestellt werden wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Schlussbemerkung<\/h2>\n\n\n\n<p>Es ist unbestritten, dass der Eisenbahnanschluss\neine gro\u00dfe Bedeutung f\u00fcr Jestetten dargestellt hat und noch immer darstellt.\nDie Pl\u00e4ne im Archiv von SBB Historic zeigen, dass die uns so vertraute Strecke\nauch anders h\u00e4tte gebaut werden k\u00f6nnen. <\/p>\n\n\n\n<p>Und selbst die unbeachtete \u201eS\u00fcdvariante\u201c\nk\u00f6nnte eines Tages doch wieder interessant werden. Denn die \u00dcberlegungen f\u00fcr\neine allf\u00e4llige Umgehungsstra\u00dfe gehen in etwa in Richtung dieser vor mehr als 125\nJahren verworfenen Variante; es g\u00e4be zwar keinen Tunnel, aber doch das Viadukt\n\u00fcber den Volkenbach.<\/p>\n\n\n\n<p>Literatur:<\/p>\n\n\n\n<p>Peter Jezler (Hrsg): ALBERT ANKER\nund der Realismus in der Schweiz\n\nAusstellungsskript, Museum zu Allerheiligen,\nSchaffhausen 2013\n\n\n\n<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Beim Ausdruck \u201eDie Eisenbahn kommt\u201c mag man an einen heranbrausenden Zug denken, in seinem gleichnamigen Bild zeigt Albert Anker aber eine ganz andere Szene vor <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/schlu.de\/?p=465\" title=\"Die Eisenbahn kommt\">[&#8230;]<\/a><\/p>\n<\/div>","protected":false},"author":1,"featured_media":470,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[10,14],"tags":[],"class_list":["post-465","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-chronik","category-heimat"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/465","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=465"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/465\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":472,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/465\/revisions\/472"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/470"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=465"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=465"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/schlu.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=465"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}