{"id":323,"date":"2017-12-16T21:08:16","date_gmt":"2017-12-16T20:08:16","guid":{"rendered":"http:\/\/schlu.de\/?p=323"},"modified":"2022-05-31T18:49:33","modified_gmt":"2022-05-31T16:49:33","slug":"warum-wir-die-klugen-jungfrauen-wieder-aufgestellt-haben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schlu.de\/?p=323","title":{"rendered":"Warum wir die klugen Jungfrauen wieder aufgestellt haben!"},"content":{"rendered":"<p>Bei der Erfassung der Kleindenkmale in Jestetten wurden auch einige Objekte auf dem Friedhof beim Altersheim aufgelistet. Im Jahr 2016 wurde eines dieser Objekte, eine Holztafel mit dem Relief der klugen Jungfrauen besch\u00e4digt. Nun haben wir die Tafel nach erfolgter Restaurierung wieder am urspr\u00fcnglichen Ort aufgestellt. Hier soll erkl\u00e4rt werden, warum es so wichtig war, diese Tafel wieder auf diesem Friedhof aufzustellen.<\/p>\n<p>Auf dem Friedhof befindet sich ein Ensemble von Kleindenkmalen. Dazu geh\u00f6ren zwei Holztafeln mit Darstellungen der klugen Jungfrauen. Der Jestetter Bildhauer Siegfried Fricker (1907-1976) hatte diese Tafeln Mitte der 1930er Jahre geschaffen, und eines dieser Reliefs ist heute nach letztj\u00e4hriger Besch\u00e4digung und zwischenzeitlich erfolgter Restaurierung wieder aufgestellt worden. Zwischen den beiden Tafeln befindet sich ein h\u00f6lzernes Kreuz, das in den 1950er Jahren ebenfalls von Siegfried Fricker gemacht worden ist. Es gibt ferner einige Grabsteine von Ordensschwestern, die die Bewohner der damaligen Kreispflegeanstalt gepflegt haben. Und es gibt einen Gedenkstein von 1988 mit der Inschrift \u201eDEN OPFERN VON KRIEG UND GEWALT\u201c.<\/p>\n<p>Mit seiner Inschrift erinnert der Gedenkstein insbesondere auch an die Opfer der Euthanasiemorde. Im Rahmen der T4-Aktion wurden 1940 viele Bewohner der Kreispflegeanstalt aus Jestetten abtransportiert und dann ermordet. Das Jestetter Dorfbuch spricht von mehr als 200 Opfern, es gibt eine Namensliste mit 119 Get\u00f6teten. Wie Fridolin Breig (1925-2010) berichtete, waren unter den Opfern auch Veteranen des 1. Weltkriegs, die wegen ihrer Kriegsverletzungen in der Kreispflegeanstalt in Jestetten waren. Auch wenn diese Aussage mangels schriftlicher Quellen bislang nicht best\u00e4tigt werden konnte, so ist doch belegt, dass die Euthanasiemorde vor Kriegsversehrten \u2013 offiziell \u201eEhrenb\u00fcrger der Nation\u201c \u2013 nicht halt gemacht haben. Da die Euthanasiemorde zwar w\u00e4hrend des Krieges geschahen, aber ansonsten keinen direkten Bezug zum Krieg haben, ist die Erinnerung an die Opfer der Gewalt an diesem Ort sehr wichtig.<\/p>\n<p>Die beiden Tafeln zeigen das biblische Gleichnis von den klugen Jungfrauen (Matth\u00e4us 25,1\u201313). Sie m\u00fcssen auf den Br\u00e4utigam warten, der zu unbekannter n\u00e4chtlicher Stunde kommen soll. Die klugen Jungfrauen sind vorbereitet und sind mit gen\u00fcgend Lampen\u00f6l ausger\u00fcstet; sie sind wachsam, damit sie den Br\u00e4utigam nicht verpassen.<\/p>\n<p>Die Botschaft \u201esei wachsam und sei vorbereitet\u201c ist angesichts der Dramen in der deutschen Geschichte eine treffende Warnung und wichtige Aufforderung. Die beiden Tafeln und der Gedenkstein bilden somit eine Einheit, die vervollst\u00e4ndigt werden musste.<\/p>\n<p>Als Leiter des Bildungswerks Jestetten habe ich mich herzlich bei Radegund Fricker f\u00fcr die Restaurierung bedankt. Gedankt habe ich auch Bernhard Merk und Heinz-Dieter Metzger, die mit mir die Erfassung der Kleindenkmale durchgef\u00fchrt haben.<\/p>\n<p>Landrat Martin Kistler bedankte sich aus der Ferne beim \u201eKleindenkmal-Team\u201c f\u00fcr dessen Engagement.<\/p>\n<figure id=\"attachment_325\" aria-describedby=\"caption-attachment-325\" style=\"width: 678px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-325 size-mh-magazine-lite-content\" src=\"http:\/\/schlu.de\/wp-content\/uploads\/2017\/12\/IMG_2986-2-678x381.jpg\" alt=\"\" width=\"678\" height=\"381\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-325\" class=\"wp-caption-text\">Das nun wieder vollst\u00e4ndige Ensemble<\/figcaption><\/figure>\n<hr \/>\n<h3>Euthanasie: Der lange Schatten der Morde<\/h3>\n<p>Die Euthanasiemorde an Patienten der Jestetter Kreispflegeanstalt haben eine Vor- und auch eine Nachgeschichte. Zur Vorgeschichte, dass bereits fr\u00fch \u00fcber T\u00f6tungsabsichten gesprochen worden ist, geh\u00f6rt ein Bericht der katholischen Zeitung &#8222;Tagblatt vom Oberrhein&#8220; vom 7. April 1932. Das Tagblatt berichtete damals \u00fcber eine NS-Versammlung mit dem Landtagsabgeordneten Franz Merk am 3.4.1932 und charakterisierte Merk mit &#8222;der seinerzeit im Landtage die Kranken und Presthaften als Sch\u00e4dlinge des Volkes bezeichnete und sich gegen die ihnen zugewandte F\u00fcrsorge aussprach.&#8220;<\/p>\n<p>Als ein weiteres Opfer der Morde muss man wohl auch den Anstaltsleiter Dr. Lichtenberger ansehen. Die Zeitung &#8222;Neue Z\u00fcrcher Nachrichten&#8220; berichtete am 3. Juli 1945 unter der \u00dcberschrift &#8222;Ein Altersheim wird \u00abliquidiert\u00bb&#8220;:<\/p>\n<p><em>Die ganze grauenhafte Tragik des Systems zeigt sich im Falle der Anstalt Jestetten und ihres Leiters, Dr. Lichtenberger. Die Anstalt Jestetten war vor dem Kriege ein Alters und Schwachsinnigenheim. Dr. Lichtenberger, der anf\u00e4nglich Nazi war, dann aber noch vor dem Kriege von der Sache genug bekam und sich nach M\u00f6glichkeit aus dem politischen Leben zur\u00fcckzog, erhielt 1938 von der badischen Sanit\u00e4tsdirektion in Karlsruhe folgenden Befehl: \u201eSie haben die Insassen ihrer Anstalt namentlich aufzuf\u00fchren, und zwar ausgeschieden in folgende drei Kategorien: Altersschwache, Geistesschwache und geistig Behinderte, eigentliche Geistesgest\u00f6rte. Diese Ausscheidung erfolgt, um die Leute statistisch zu erfassen.&#8220; Dr. Lichtenberger erf\u00fcllte diesen Auftrag. Kurz nach Kriegsausbruch bekam er einen zweiten Befehl, der lautete, da\u00df die unter Kategorie 3 aufgef\u00fchrten Anstaltsinsassen, also die Geistesgest\u00f6rten, sich zum Abtransport bereitzumachen h\u00e4tten. S\u00e4mtliche Effekten und Papiere seien mitzunehmen. Die Leute w\u00fcrden in eine \u201ezu ihrer Unterbringung besser geeigneten Irrenanstalt in W\u00fcrttemberg&#8220; gebracht. Es fuhr ein Autobus vor und die Leute wurden ordnungsgem\u00e4\u00df \u00fcbernommen. Man h\u00f6rte nie mehr etwas von ihnen, hingegen kamen nach wenigen Tagen die Effekten dieser Leute kommentarlos zur\u00fcck. Sp\u00e4ter stellte sich mit Gewi\u00dfheit heraus, da\u00df sie in der N\u00e4he von Stuttgart vergast und zu Seife und D\u00fcngemittel verarbeitet worden waren! Weitere Transporte folgten! Die Leute wu\u00dften nun, was ihnen bevorstand. Weithin erscholl daher das Weinen und Flehen und Schluchzen, wenn der Autobus wieder und wieder erschien. Alle 250 Insassen des Altersheims wurden get\u00f6tet. <strong>Dr. Lichtenberger verfiel in geistige Umnachtung und ist heute hoffnungslos geisteskrank. Die Leute der Ortschaft machen ihn f\u00fcr die Ermordung ihrer V\u00e4ter, M\u00fctter, Gro\u00dfeltern verantwortlich.<\/strong> Es kann nun aber nachgewiesen werden, da\u00df Lichtenberger sich mit H\u00e4nden und F\u00fc\u00dfen gegen diese Deportierungen gewendet hat.<\/em><\/p>\n<p>Auch wenn manche Details des Artikels hinterfragt werden m\u00fcssen, beispielsweise sind nicht alle Insassen get\u00f6tet worden, so zeigt der Fall von Dr. Lichtenberger auch eine gewisse Tragik.<\/p>\n<hr \/>\n<h3>Literatur:<\/h3>\n<p>Erich Danner:<em><br \/>\n\u201eEuthanasie\u201c<\/em><br \/>\nIn<br \/>\nKarl-Hellmuth Jahnke, Erich Danner (Hrsg):<br \/>\n<em>Das Jestetter Dorfbuch<\/em><br \/>\nKunstverlag Fink, 2001<br \/>\nSeiten 283 \u2013 284<\/p>\n<p>Nils L\u00f6ffelbein:<br \/>\n<em>Ehrenb\u00fcrger der Nation<\/em><br \/>\n<em>Die Kriegsbesch\u00e4digten des Ersten Weltkriegs in Politik und Propaganda des Nationalsozialismus<\/em><br \/>\nKlartext Verlag, 2013<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Dr. Konrad Schlude<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Bei der Erfassung der Kleindenkmale in Jestetten wurden auch einige Objekte auf dem Friedhof beim Altersheim aufgelistet. 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