{"id":251,"date":"2017-08-26T20:22:16","date_gmt":"2017-08-26T18:22:16","guid":{"rendered":"http:\/\/schlu.de\/?p=251"},"modified":"2018-10-31T18:09:59","modified_gmt":"2018-10-31T17:09:59","slug":"aus-der-badischen-nachbarschaft-historische-blicke-der-schaffhauser-zeitung-auf-jestetten-und-das-damalige-zollausschlussgebiet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schlu.de\/?p=251","title":{"rendered":"Aus der badischen Nachbarschaft. Historische Blicke der Schaffhauser Zeitung auf Jestetten und das damalige Zollausschlussgebiet"},"content":{"rendered":"<p>Im Jahr 1930 erschien das Buch &#8222;Jestetten und seine Umgebung&#8220;, das \u00fcber Jahrzehnte das heimatkundliche Standardwerk f\u00fcr Jestetten gewesen ist. Autor war ein Dr. Georg J\u00e4ger, ein katholischer Priester, der sich w\u00e4hrend seiner Zeit in Jestetten von Ende 1929 bis Anfang 1933 auch sehr stark gegen den aufkommenden Nationalsozialismus gewehrt hat. Trotzdem ist Dr. Georg J\u00e4ger als Person kaum bekannt. Daher soll nun in einem Artikel f\u00fcr die Jestetter Dorfchronik 2018 \u00fcber das Leben und das Wirken J\u00e4gers in Jestetten berichtet werden. Dazu werden unter anderem die Lebenserinnerungen ausgewertet, die J\u00e4ger in den 1950er Jahren geschrieben hat.<\/p>\n<p>Als eine weitere m\u00f6gliche Quelle wurde die Schaffhauser Zeitung untersucht. Denn Georg J\u00e4ger war von 1927 bis 1929 Redakteur dieser Zeitung. Es stellte sich die Frage, ob sich der pers\u00f6nliche Bezug J\u00e4gers zur Zeitung auch in einer intensiveren Berichterstattung \u00fcber das Wirken J\u00e4gers in Jestetten niederschl\u00e4gt. Diese Frage kann nur verneint werden, die Schaffhauser Zeitung berichtete nicht einmal \u00fcber das Erscheinen des Buches &#8211; dies im Gegensatz zu den noch heute existierenden Schaffhauser Nachrichten &#8211; und auch nicht \u00fcber die \u00f6ffentlichen Veranstaltungen J\u00e4gers, wie etwa seine &#8222;Volksbildungsvortr\u00e4ge&#8220; zu &#8222;Nie wieder Krieg&#8220; oder &#8222;Friedensarbeit&#8220;.<\/p>\n<p>Die Schaffhauser Zeitung berichtete in dieser Zeit intensiv \u00fcber die Politik in Deutschland, thematisiert wurden auch immer wieder die Fahrten des Luftschiffs LZ 127 &#8222;Graf Zeppelin&#8220;, aber in der Rubrik &#8222;Aus der badischen Nachbarschaft.&#8220; kamen fast keine politischen Artikel vor. Jedoch bot diese Rubrik spannende Einblicke in andere Bereiche.<\/p>\n<p>Der Autoverkehr war schon 1930 ein wichtiges Thema, und so berichtete die Schaffhauser Zeitung immer wieder \u00fcber Verkehrsunf\u00e4lle. Am 4. Juni gab es einen Artikel zu einer Reihe von besonders ungl\u00fccklichen Unf\u00e4llen.<\/p>\n<p><em>&#8222;W\u00e4hrend am Sonntag der bei einem Motorradungl\u00fcck zum Opfer gefallene Knabe Wilhelm Metzger beerdigt wurde, starb im Spital in Waldshut die am Samstag morgen verungl\u00fcckte Berta Aulfinger und am gleichen Abend gab es schon wieder ein neues Ungl\u00fcck. Ein kleines Auto kam bei einer Kurve in der N\u00e4he des Kaufhauses Holzscheiter in Schleudern und \u00fcberschlug sich. W\u00e4hrend der Wagenlenker mit dem blo\u00dfen Schrecken davonkam, geriet ein mitfahrender Eisendreher unter den Wagen und wurde erheblich verletzt.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Manche Berichte wirken hingegen am\u00fcsant. So etwa der Bericht vom 6.2.1930 \u00fcber zwei Fabrikanten aus Winterthur, die nachts um 2 Uhr im Neben von der Stra\u00dfe abkamen und deren Auto von den Gebr\u00fcder Buchter mit Pferden aus dem Graben gezogen wurden. Die &#8222;fr\u00f6hlichen und vornehmen Winterthurer Fabrikanten&#8220; gaben den Br\u00fcdern jeweils ein &#8222;20-Frankenst\u00fcck in Gold&#8220;.<\/p>\n<p>Weniger freundlich waren hingegen einige Lottstetter Jugendliche, die eine Leiter auf die Stra\u00dfe legten. Durch gl\u00fcckliche Umst\u00e4nde gab es keinen Unfall. Gem\u00e4\u00df der Schaffhauser Zeitung vom 8.2.1930 wurden drei Burschen als T\u00e4ter ermittelt.<\/p>\n<p>Wie sich die Zeiten \u00e4ndern, das zeigt insbesondere ein Artikel vom 18.1.1930. Ein &#8222;Herrschaftsauto&#8220; fuhr durch Jestetten und geriet in ein Rudel Jungvieh, so dass am &#8222;kostbaren Auto&#8220; beide Kotfl\u00fcgel abgerissen wurden.<\/p>\n<p><em>&#8222;Einige Minuten sp\u00e4ter mu\u00dfte der Autolenker desselben Wagens auf zwei Meter stoppen, weil ihm ein St\u00fcck Vieh in den Wagen hineinrannte. Durch das rasche Bremsen wurde der Wagen derma\u00dfen besch\u00e4digt, da\u00df er nach der Reparaturwerkst\u00e4tte abgeschleppt werden mu\u00dfte. Die Unsitte, da\u00df man das Vieh auf den D\u00f6rfern f\u00fchrerlos sich selbst \u00fcberl\u00e4\u00dft, sollte doch von amtswegen gesteuert werden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Das hat sich nat\u00fcrlich l\u00e4ngst ge\u00e4ndert, es gibt nicht nur keine Rindviecher mehr auf den Stra\u00dfen, es gibt gar keine K\u00fche mehr in Jestetten.<\/p>\n<p>Auch der Eisenbahnverkehr war ein Thema, insbesondere der &#8222;Zollwagen&#8220; der Eisenbahnverbindung zwischen B\u00fclach und Schaffhausen, die ja durch den Jestetter Zipfel f\u00fchrt. Im ersten Weltkrieg wurde der Zollwagen eingef\u00fchrt, um den Personenverkehr besser kontrollieren zu k\u00f6nnen. Alle Reisenden von\/nach Lottstetten, Jestetten und Altenburg-Rheinau mussten diesen Wagen benutzen. Am 10. Januar 1930 bemerkte die Schaffhauser Zeitung dazu:<\/p>\n<p><em>Nun sind aber seit Friedenschlu\u00df bereits 12 Jahre verflossen und die Ma\u00dfnahmen sind bestehen geblieben, ohne irgendwelche Erleichterungen in dieser Beziehung f\u00fcr die Bewohner des Zollausschlu\u00dfgebiets zu schaffen. Es f\u00e4llt jedem, der von Z\u00fcrich nach Schaffhausen nach dem Zollausschlu\u00dfgebiet reist, recht unangenehm auf, da\u00df f\u00fcr die Bewohner des Zollauschlu\u00dfgebietes stets nur ein Wagen daf\u00fcr reserviert wird, w\u00e4hrend andere Wagen, die leer mitlaufen, abgesperrt werden. Entweder ist dieser angewiesene Wagen bereits \u00fcberf\u00fcllt, oder er wird es nach einigen Stationen. Bei jeder Station beginnt von dem Kondukteur ein Geschrei, &#8222;Hinten einsteigen, hinten einsteigen!&#8220;, &#8222;Nach dem Zollausschlu\u00dfgebiet hinten einsteigen&#8220;! Es mutet einem eigenartig an, wenn man auf jeder Station diese Rufe h\u00f6rt, als ob die Bewohner des Zollausschlusses wilde Indianer w\u00e4ren, die man von den anderen Mitreisenden absondern m\u00fcsse. Die Schweiz. Bundesbahn, die doch sonst so gro\u00dfz\u00fcgig ist, d\u00fcrfte auch darin endlich einmal Abhilfe schaffen und nach bereits zw\u00f6lfj\u00e4hrigem Friedenschlu\u00df sollen auch wieder internationale Beziehungen gepflogen werden, zum Segen der Allgemeinheit und der Staaten und zuletzt f\u00fcr die Bewohner des Zollausschlu\u00dfgebietes.<\/em><\/p>\n<p>Zu bemerken bleibt, dass der Zollwagen noch \u00fcber Jahrzehnte bestand hatte. Zwar gab es das Geschrei nicht mehr, aber die mitfahrenden Z\u00f6llner achteten mitunter sehr genau darauf, dass keine anderen Wagen benutzt wurden.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich wurde auch 1930 \u00fcber Schmuggel berichtet, allerdings handelte es sich im Artikel vom 6. Juni 1930 um besonderes Schmuggelgut, n\u00e4mlich um Maik\u00e4fer! Die badischen Grenzgemeinden h\u00e4tten entdeckt, <em>&#8222;da\u00df von der Schweiz aus n\u00e4chtlicherweise zentnerweise Maik\u00e4fer nach Baden hineingeschmuggelt wurden. Denn ennet dem Rhein zahlen die Gemeinden bis zu 20 Pfennig pro Liter Maik\u00e4fer, dieweil die schweizerischen Gemeinden in den seltensten F\u00e4llen so weit gehen. Das Gesch\u00e4ft war daher recht eintr\u00e4glich und florierte, wie es der neuesten Industrie nicht sch\u00f6ner passieren k\u00f6nnte. Sintemal die schweizerischen Maik\u00e4fer zu Aerger aller Nationalisten sich durch kein \u00e4u\u00dferes Zeichen von den badischen unterscheiden.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Zeiten \u00e4ndern sich, aber manche Themen bleiben halt in neuen Auspr\u00e4gungen erhalten.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Dr. Konrad Schlude<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Im Jahr 1930 erschien das Buch &#8222;Jestetten und seine Umgebung&#8220;, das \u00fcber Jahrzehnte das heimatkundliche Standardwerk f\u00fcr Jestetten gewesen ist. Autor war ein Dr. Georg <a class=\"mh-excerpt-more\" href=\"https:\/\/schlu.de\/?p=251\" title=\"Aus der badischen Nachbarschaft. 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