{"id":153,"date":"2018-08-25T12:43:22","date_gmt":"2018-08-25T10:43:22","guid":{"rendered":"http:\/\/schlu.de\/?p=153"},"modified":"2018-10-31T18:08:28","modified_gmt":"2018-10-31T17:08:28","slug":"dr-georg-jaeger-versuch-einer-annaeherung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/schlu.de\/?p=153","title":{"rendered":"Dr. Georg J\u00e4ger &#8211; Autor des Jestetter Buches und Gegner des Nationalsozialismus"},"content":{"rendered":"<h1>Einleitung<\/h1>\n<p>Das Buch \u201eJestetten und seine Umgebung\u201c(2) aus dem Jahr 1930 war \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg die heimatkundliche Referenz f\u00fcr Jestetten. So ist es nicht verwunderlich, dass die Jestetter Dorfchronik 1990, zum 60. Jahrestag des Erscheinens \u00fcber dieses Buch berichtet hat [5].<\/p>\n<p>Im Buch wird ein \u201eDr. Georg J\u00e4ger \/ Professor i. R.\u201c als Autor genannt, und im Vorwort bezeichnet sich dieser Autor als \u201eAusl\u00e4nder\u201c. Die Dorfchronik von 1990 erw\u00e4hnt noch, dass J\u00e4ger als Aushilfsgeistlicher in Jestetten t\u00e4tig gewesen ist. Hier soll nun der Versuch unternommen werden, die Person Georg J\u00e4ger, die \u00a0weiteren T\u00e4tigkeiten und die Bedeutung f\u00fcr Jestetten zu beleuchten.<\/p>\n<p>Als Quelle dienen vor allem J\u00e4gers Lebenserinnerungen [3], die wohl in der 2. H\u00e4lfte der 1950er Jahre entstanden, \u00a0und Artikel aus dem \u201eTagblatt vom Oberrhein\u201c (TvO) [7].<\/p>\n<h1>Auf vielen Umwegen nach Jestetten<\/h1>\n<p>Georg J\u00e4ger wurde am 23. M\u00e4rz 1883 in Siebending bei St. Andr\u00e4 in K\u00e4rnten geboren und wuchs in einem b\u00e4uerlichen \u00a0und religi\u00f6sen Elternhaus auf. Nach dem Theologiestudium in Rom wurde J\u00e4ger am 28. Oktober 1908 zum katholischen Priester geweiht. Die handschriftlich verfasste Doktorarbeit hat den Titel \u201eDas Selbstbewusstsein Jesu\u201c [4].<\/p>\n<p>Im Jahr 1910 kam Georg J\u00e4ger nach Klagenfurt, wo er Aufgaben \u00fcbernahm, deren Kombination vielleicht typisch f\u00fcr sein weiteres Leben war. J\u00e4ger war als Lektor und Redakteur von kirchlichen Publikationen t\u00e4tig. Jeden Sonntag predigte er um 5.30 Uhr in der Stadtpfarrkirche, er bet\u00e4tigte sich auch in der Seelsorge. Ferner erteilte J\u00e4ger an verschiedenen Schulen Religionsunterricht, ab 1913 auch am Staatsgymnasium, und am 15. Februar 1918 wurde er zum Religionsprofessor ernannt. In seinen Erinnerungen fasste J\u00e4ger das zusammen: \u201eJedenfalls hatte ich nun erreicht, was ich schon als Student an der Mittelschule angestrebt habe, Priester und Professor zu werden.\u201c<\/p>\n<p>Viel Aufwand investierte J\u00e4ger in den Aufbau des katholischen Studentenheimes, das auf seine Initiative gegr\u00fcndet wurde. Insbesondere die Finanzierung bereitete viele Sorgen, und J\u00e4ger beschreibt in den Erinnerungen die \u201eBettelreisen\u201c durch das damalige \u00d6sterreich und nach Rom.<\/p>\n<p>Die Wirren der Kriegs- u. Nachkriegszeit erh\u00f6hten die Arbeitslast J\u00e4gers weiter. Gesundheitliche Probleme als Anzeichen von \u00dcberlastung\/Burnout und die Ratschl\u00e4ge der \u00c4rzte ignorierte J\u00e4ger, und \u201eso kam um Allerheiligen 1925 der v\u00f6llige Zusammenbruch, der mich gen\u00f6tigt hat, erst ein Jahr Kranken-Urlaub zu nehmen und dann in den zeitlichen Ruhestand zu treten, da mein angegriffenes Herz dem anstrengenden Unterricht nicht mehr gewachsen war.\u201c<\/p>\n<p>J\u00e4ger kam an verschiedene Orte zur Kur, auch in der Schweiz. Dabei wurde er \u00a0immer wieder als Aushilfsgeistlicher in der Seelsorge eingesetzt, und er bet\u00e4tigte sich publizistisch. J\u00e4ger tr\u00e4umte stets von einer R\u00fcckkehr nach Klagenfurt, aber immer wieder musste er die angestrebte Wiederaufnahme seiner alten T\u00e4tigkeiten verschieben. Im Jahr 1927 kam Georg J\u00e4ger nach Schaffhausen. Dort wurde er Redakteur der Schaffhauser Zeitung [6], er war als Vikar in der Seelsorge t\u00e4tig und hielt Vortr\u00e4ge.<\/p>\n<p>Seine Redaktionst\u00e4tigkeit beschreibt J\u00e4ger wie folgt: \u201eWohl hatte ich daf\u00fcr f\u00fcr die reinen Schweizer Angelegenheiten einen Rechtsanwalt als Mitarbeiter, aber die Hauptarbeit lag doch auf mir. Die Leitartikel musste ich meist selber schreiben, ferner vor allem die Angriffe der gegnerischen Presse auf katholische Lehren und Einrichtungen parieren.\u201c In seinen Artikeln wendete sich J\u00e4ger immer wieder gegen bolschewistische\/kommunistische Umtriebe. Er schrieb auch Artikel \u00fcber die \u201eKatholische Aktion\u201c \u2013 eine \u00fcberparteiliche Laienbewegung\u00a0 -und hielt Vortr\u00e4ge dazu.<\/p>\n<p>Am 10. September 1929 verabschiedete sich Georg J\u00e4ger von seinen Lesern: \u201eMit heutigem Tage trete ich aus der Redaktion der Schaffhauser Zeitung aus, um wieder in meine Heimat zur\u00fcckzukehren.\u201c Doch er sollte &#8211; zun\u00e4chst \u00a0&#8211; nur nach Jestetten kommen.<\/p>\n<h1>Die Zeit in Jestetten<\/h1>\n<p>Wie J\u00e4ger in seinen Erinnerungen schreibt, war es urspr\u00fcnglich nur eine Einladung vom Jestetter Pfarrer Johann Braun zu Exerzitien f\u00fcr den Jungfrauenverein. Da aber J\u00e4gers Gesundheit trotz Besserung nach wie vor angeschlagen war, betraute Pfarrer Braun ihn mit der Organisation des Pfarrarchivs und setzte ihn in der Seelsorge ein.<\/p>\n<h3>Die Entstehung des Jestetter Buches<\/h3>\n<p>Die Organisation des Pfarrarchivs war der Beginn der Arbeit am Jestetter Buch.<\/p>\n<p><em>Bei der Ordnung des Archivs fand ich nun bald heraus, dass der \u201eKlettgau\u201c, wie dieser Teil Badens\u00a0 und der angrenzenden Schweiz hei\u00dft, uraltes Siedlungsgebiet ist und die \u00e4ltesten Funde bis in die Steinzeit zur\u00fcckgehen. Das veranlasste mich, die Ergebnisse meiner Forschungen in Volksbildungsvortr\u00e4gen und in Artikeln im \u201eWaldshuter Tagblatt\u201c weiteren Schichten bekannt zu machen. Das hatte bald solches Interesse geweckt, dass man von vielen Seiten in mich gedrungen ist, ein Heimatbuch \u00fcber jene Gegend zu schreiben. Das f\u00fchrte mich dazu, in den Museen und Archiven der Schweiz und Badens gr\u00fcndliche Nachforschungen zu pflegen. Au\u00dfer in Schaffhausen, forschte ich im Museum und Archiv in Z\u00fcrich, besonders aber im Kloster Einsiedeln, wohin das Archiv des Benediktinerklosters Rheinau, dem die Pfarrei Jestetten lange inkorporiert war, bei seiner Aufhebung gebracht worden ist. Besonders viel Material fand ich im badischen Staatsarchiv in Karlsruhe, wo ich ein paar Wochen zu tun hatte. Die Kosten (Reise, Verpflegung und s. w.) trug die Gemeinde Jestetten, die von Anfang an das gr\u00f6\u00dfte Interesse am Erscheinen des Heimatbuches zeigte. So kam ein umfangreiches, reich illustriertes Buch von 480 Seiten zustande, das ich bei der Carinthia in Klagenfurt drucken lie\u00df. Von dort erhielt ich eben das billigste Angebot. Die Druckkosten leistete ebenfalls die Gemeinde, die die B\u00fccher zum weiteren Verkauf in Eigenverlag \u00fcbernommen hat. Es war sicherlich gewagt, ein solches Heimatbuch, das doch eigentlich nur f\u00fcr einen beschr\u00e4nkten Kreis Interesse hat, in 2000 Exemplaren drucken zu lassen. Und doch ist es schon seit vielen Jahren ausverkauft. Dazu hat wohl die \u00fcberaus g\u00fcnstige Kritik, die es in allen Bl\u00e4ttern gefunden hat, wesentlich beigetragen. Es wurde vielfach als das beste Heimatbuch in Deutschland hingestellt.<\/em><\/p>\n<p>Bemerkenswert ist dabei unter anderem, wie schnell dieses Buch zustande gekommen ist. In gerade einem Jahr wurde &#8222;Jestetten und seine Umgebung&#8220; fertiggestellt.<\/p>\n<h3>Seelsorge<\/h3>\n<p>Als Seelsorger war J\u00e4ger unter anderem in der Kreispflegeanstalt t\u00e4tig. Trotz aller auftretenden Probleme fasste er seine T\u00e4tigkeit dort wie folgt zusammen: \u201eDie Arbeit in der Anstalt ist mir besonders lieb geworden und die Pfleglinge hingen auch mit kindlicher Dankbarkeit an mir. Ich bin \u00fcberzeugt, dass ich auch manchen Erfolg in der Seelsorge dem Gebet der Schwestern und der Pfleglinge zu verdanken hatte.\u201c<\/p>\n<h3>Publizistische T\u00e4tigkeit und Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus<\/h3>\n<p>Auch in Jestetten f\u00fchrte J\u00e4ger seine publizistische T\u00e4tigkeit fort:<\/p>\n<p><em>Daneben war ich auch sonst in Jestetten vielfach schriftstellerisch t\u00e4tig. So schrieb ich f\u00fcr das \u201eWaldshuter Tagblatt\u201c<a href=\"#_ftn1\" name=\"_ftnref1\"><strong>[1]<\/strong><\/a> die w\u00f6chentlichen Sonntagsgedanken, die gerne gelesen wurden. Ferner ver\u00f6ffentlichte ich in verschiedenen badischen Bl\u00e4ttern geschichtliche Beitr\u00e4ge und im Freiburger kirchlichen Pastoralblatt eine Reihe von Abhandlungen, die vor allem Seelsorgefragen betrafen.<\/em><\/p>\n<p>Sp\u00e4testens durch seine Vortr\u00e4ge \u00fcber \u201eNie wieder Krieg&#8220; (22.2.1931, TvO 26.2.1931) und &#8222;Friedensarbeit&#8220; (8.3.1931, TvO 12.3.1931) wurde J\u00e4ger zum Ziel von Angriffen des NS-Blattes \u201eOberbadische Zeitung\u201c. In Leserbriefen im Tagblatt wehrte sich J\u00e4ger gegen diese Angriffe (TvO 5.3.1931, 17.3.1931). Die Berichte \u00fcber die Vortr\u00e4ge und J\u00e4gers Leserbriefe erlauben auch interessante Einblicke in sein Denken. J\u00e4ger erl\u00e4utert dabei seine Gegnerschaft zu Bolschewismus und Nationalsozialismus, aus den Erfahrungen der Kriegsgr\u00e4uel heraus entwickelt er aber auch Gedanken f\u00fcr eine Zusammenarbeit der \u201eL\u00e4nder Europas\u201c und aller \u201echristlichen V\u00f6lker\u201c:<\/p>\n<p><em>Ich kenne besser als die Nationalsozialisten die schwere Gefahr, die vom Osten her im Bolschewismus heraufsteigt, nicht blo\u00df f\u00fcr das deutsche Volk, sondern f\u00fcr alle L\u00e4nder Europas, ja f\u00fcr die gesamte christliche Kultur, und darum wei\u00df ich gar wohl, wie notwendig es ist, dass nicht blo\u00df das deutsche Volk sich einige, sondern dass alle christlichen V\u00f6lker sich zusammenschlie\u00dfen, um durch die Behebung der Weltwirtschaftskrise, durch Schaffung einer besseren, auf den Fundamenten der Gerechtigkeit und Liebe aufgebauten Wirtschaftsordnung, nicht zuletzt durch St\u00e4rkung der moralischen Kr\u00e4fte, durch F\u00f6rderung von Religion und Sittlichkeit der bolschewistischen Welle einen un\u00fcbersteigbaren Damm entgegenzusetzen. Aber ich wei\u00df auch, dass die Nationalsozialisten mit ihrer Katastrophenpolitik nur die Wegbereiter des Bolschewismus sind, und wenn es, was Gott von unserem ohnehin so schwer heimgesuchten Volke abwenden m\u00f6ge, zu einem gewaltsamen Umsturz kommt, dann werden wir nicht die \u201eSegnungen\u201c des Dritten Reiches, sondern die \u201eSegnungen\u201c des Bolschewismus zu sp\u00fcren bekommen<br \/>\n<\/em>(Leserbrief TvO 5.3.1931)<\/p>\n<p><em>Am vergangenen Sonntag hielt hier im \u201eSalmen\u201c Herr Prof. Dr. J\u00e4ger einen Vortrag, dem er das Thema \u201eFriedensarbeit\u201c zugrunde gelegt hatte. Es bildete dies die Erg\u00e4nzung zu den vor zwei Wochen gemachten Ausf\u00fchrungen \u00fcber \u201eNie wieder Krieg.\u201c Im modernen Krieg k\u00e4mpfen nicht blo\u00df Armeen gegen Armeen, sondern es wird ein Kampf aller gegen alle sein, wobei auch Zivilpersonen, Frauen, Greise, Kinder, keine Schonung finden werden. Einen Vorgeschmack gab davon ja schon der Weltkrieg mit seiner Hungerblockade und den Fliegerangriffen auf wehrlose St\u00e4dte. Nur wird im Kriege der Zukunft die Chemie mit ihrem Giftgas und ihren Seuchenbakterien eine noch viel unheimlichere Rolle spielen wie im verflossenen Krieg. Ganz abgesehen von der Unmoral des Krieges \u00fcberhaupt, zwingt schon allein diese Tatsache unbedingt zur einzig richtigen Folgerung: sich mit aller Kraft f\u00fcr die Erhaltung des V\u00f6lkerfriedens einzusetzen. \u2026 Streitigkeiten, die zwischen den einzelnen V\u00f6lkern entstehen, k\u00f6nnen auch auf friedlichem Wege geschlichtet werden. Dieses Ideal zu verwirklichen, sind schon beachtliche Ans\u00e4tze vorhanden. So das Haager Schiedsgericht, der V\u00f6lkerbund, die Genfer Abkommen, die Locarno-Vertr\u00e4ge und der Kelloggpakt.\u2026<\/em><br \/>\n(Artikel Tagblatt vom Oberrhein, 12.3.1931)<\/p>\n<h3>Abschied von Jestetten<\/h3>\n<p>In seinen Erinnerungen wirkt der Abschied von Jestetten recht abrupt:<\/p>\n<p><em>Im Sommer 1932, nachdem die volle Macht\u00fcbernahme durch die \u201eNazi\u201c unmittelbar bevorstand, musste ich an die Abreise denken. Man hat mir zuvor im Gasthof \u201eSalmen\u201c noch eine gro\u00dfartige Abschiedsfeier veranstaltet, an der neben der Musikkapelle und dem Kirchenchor alle katholischen Vereine mitgewirkt haben. Au\u00dfer dem Pfarrer, dem B\u00fcrgermeister und dem Oberlehrer sprachen mir auch die Vorst\u00e4nde der Vereine Dank und Anerkennung f\u00fcr mein Wirken in Jestetten aus, sodass mir der Abschied wirklich schwergefallen ist. Ich h\u00e4tte nie geglaubt, dass man in drei oder vier Jahren mit einer Gemeinde so fest verwachsen kann.<\/em><\/p>\n<p>Diese Darstellung ist stark komprimiert, wahrscheinlich hat sich J\u00e4ger seit der f\u00fcr die NSDAP erfolgreichen Reichstagswahl vom Juli 1932 Gedanken zu seiner Abreise gemacht, die Abschiedsfeier fand dann aber ein halbes Jahr sp\u00e4ter am 6. Januar 1933 statt (TvO 11.1.1933). Der Zeitungsbericht erw\u00e4hnt auch, dass J\u00e4ger Jestetten als seine \u201edritte Heimat\u201c bezeichnet hat; ferner dankte die Redaktion des Tagblatts Georg J\u00e4ger f\u00fcr seine Beitr\u00e4ge.<\/p>\n<h1>Weiterhin Bez\u00fcge zu Jestetten<\/h1>\n<p>Nach seiner Abreise aus Jestetten hielt sich J\u00e4ger an mehreren Orten in \u00d6sterreich auf. Auf seine ach so geliebte Stelle in Klagenfurt kehrte er aber nie mehr zur\u00fcck. Wie die Erinnerungen belegen blieb er aber Jestetten verbunden.<\/p>\n<p><em>Und wenn ich in sp\u00e4teren Jahren wieder dorthin gekommen bin, wurde ich stets mit Freuden begr\u00fc\u00dft. Nur in den ersten zwei Jahren der nationalsozialistischen Regierung hat man mir sagen lassen, dass ich sofort verhaftet werde, wenn ich den Boden Jestettens betrete. Da habe ich im nahen schweizerischen Rheinau mich niedergelassen und bin von dort aus hie und da recht still und verborgen nach Jestetten geschlichen. Dann aber haben sich die Wogen gelegt, sodass ich z. B. im Jahre 1936 anl\u00e4sslich der Renovierung der Pfarrkirche eine Volksmission halten konnte. Auch w\u00e4hrend des Krieges im Jahr 1943 habe ich in Jestetten und in einigen Pfarren der Umgebung religi\u00f6se Wochen und Missionen gehalten. <\/em><\/p>\n<p>Ein wichtiges Zeitzeugnis liefert Georg J\u00e4ger auch im Bezug zu den Euthanasiemorden an Patienten der Jestetter Kreispflegeanstalt :<\/p>\n<p><em>Ich bin der Anstalt auch in sp\u00e4teren Jahren noch verbunden geblieben. Im Jahre 1943 habe ich den dortigen Schwestern Exerzitien gegeben. Bei dieser Gelegenheit musste ich leider erfahren, dass die Nationalsozialisten, nachdem sie zur Macht gekommen waren, viel Unheil angerichtet haben. Erst lie\u00dfen sie viele Insassen \u201esterilisieren\u201c, auch \u00e4ltere Pfleglinge. Zwei sind daran gestorben. In den ersten Kriegsjahren 1940 oder 1941 lie\u00dfen sie in Zwischenr\u00e4umen von etwa 14 Tagen dreimal je zwei Autobusse mit Pfleglingen verladen unter dem Vorwand, sie k\u00e4men anderswohin, aber schlie\u00dflich brachte man ihre Kleider zur\u00fcck. Etwa 210 wurden einfach vergast, weil man die Anstalt zu einer \u201eOrdensburg\u201c umgestalten wollte. Um wenigstens die restlichen Pfleglinge zu erhalten, die man notwendig zu den Arbeiten in der mit der Anstalt verbundenen Landwirtschaft brauchte, fuhr die Oberin zum Innenminister nach Karlsruhe, wo sie die Erhaltung der restlichen Pfleglinge durchsetzte. Der leer gewordene Teil der Anstalt wurde nicht in eine Ordensburg, sondern in eine Lungenheilst\u00e4tte umgewandelt. So ist es dann auch bis heute geblieben<\/em>.<\/p>\n<p>Nach dem Krieg kam Georg J\u00e4ger mehrfach nach Jestetten zur\u00fcck.<\/p>\n<p><em>Als ich nach Beendigung des Krieges im Jahre 1948 anl\u00e4sslich des 50j\u00e4hrigen Priesterjubil\u00e4ums des Pfarrers zur Vorbereitung auf die Jubelfeier wieder eine religi\u00f6se Woche und dann die Festpredigt halten sollte, erhielt ich die Einreiseerlaubnis von den alliierten Beh\u00f6rden erst ein halbes Jahr sp\u00e4ter, sodass ich erst 1951 wieder hinkommen konnte, nachdem Pfarrer Braun bald nach seinem Priesterjubil\u00e4um gestorben war. &#8230; Ich war in den Jahren 1952 und 1953<a href=\"#_ftn2\" name=\"_ftnref2\"><strong>[2]<\/strong><\/a> im Sommer jeweils auf etwa zwei Monate in Jestetten, wo ich wiederum gerade in der Anstalt eine sch\u00f6ne Wirksamkeit entfalten konnte.<\/em><\/p>\n<h3>Tod<\/h3>\n<p>Georg J\u00e4ger starb am 29. M\u00e4rz 1962 und wurde in seinem Geburtsort Siebending beigesetzt.<\/p>\n<h1>Wertung<\/h1>\n<p>Als Autor des Buches \u201eJestetten und seine Umgebung\u201c hat sich J\u00e4ger unbestritten gro\u00dfe Verdienste um Jestetten erworben. Seine Gegnerschaft zum aufkommenden Nationalsozialismus ist ein weiterer Punkt, weshalb J\u00e4ger im Ged\u00e4chtnis der Gemeinde bleiben sollte. J\u00e4ger war nat\u00fcrlich nicht der einzige NS-Gegner in unserer Region, aber der weitgereiste und in \u00d6ffentlichkeits- und Pressearbeit erfahrene Priester war auf Grund seiner Stellung wohl der ideale Kristallisationspunkt der NS-Gegnerschaft; zudem hat er durch seine T\u00e4tigkeiten auch die f\u00fcr diese Zeit sonst so raren schriftlichen Belege hinterlassen.<\/p>\n<p>Ferner ist davon auszugehen, dass es Georg J\u00e4ger war, der in der Rubrik \u201eAus dem Zollausschlu\u00dfgebiet\u201c die Nationalsozialisten angriff, so auch wegen der Putschpl\u00e4ne \u201eBoxheimer Dokumente\u201c (TvO vom 3.12.1931).<\/p>\n<p>Die NS-Presse sah J\u00e4ger als ihren zentralen Gegner an, sie bezeichnete ihn als \u201egeistiger Leiter des Zentrums<a href=\"#_ftn3\" name=\"_ftnref3\">[3]<\/a> im \u201eZollausschlussgebiet\u201c; in seinem Leserbrief (TvO vom 17.3.1931) widersprach J\u00e4ger dieser Einsch\u00e4tzung:<\/p>\n<p><em>Ich habe zudem nicht den geringsten politischen Ehrgeiz und habe in meinem Leben noch in keiner politischen Versammlung gesprochen.<\/em><\/p>\n<p>Diese Aussage J\u00e4gers muss man hinterfragen, zumal er sp\u00e4ter sehr wohl einen Vortrag beim Zentrum gehalten hat; eine politische Wirkung hatte er durch seine T\u00e4tigkeit auf jeden Fall. Aber gem\u00e4\u00df \u201ekatholischer Aktion\u201c sah er sich als \u00fcberparteilichen Menschen \u00a0an, der keinerlei Amt anstrebt; wohl reagierte J\u00e4ger mit diesen Worten auf den Vorwurf, Karriere machen zu wollen. W\u00e4re J\u00e4ger aber als \u201egeistiger Leiter des politischen Katholizismus\u201c bezeichnet worden w\u00e4re, dann h\u00e4tte er nicht widersprechen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Professor Dr. Georg J\u00e4ger war ein eng mit Jestetten verbundener Mann, der fr\u00fchzeitig vor den Gefahren des Nationalsozialismus gewarnt hat. Seine \u00a0Gedanken zur friedlichen Zusammenarbeit der V\u00f6lker passen nahtlos zur europ\u00e4ischen Integration, der wir nach der Katastrophe des 2. Weltkrieges so viel verdanken.<\/p>\n<h2>Literatur<\/h2>\n<ol>\n<li>Erich Danner:<em> \u201eEuthanasie\u201c<\/em><br \/>\nIn: Karl-Hellmuth Jahnke, Erich Danner (Hrsg):<br \/>\n<em>Das Jestetter Dorfbuch<\/em>, Kunstverlag Fink, 2001, Seiten 283 \u2013 284<\/li>\n<li>Georg J\u00e4ger: Jestetten und seine Umgebung, 1930<\/li>\n<li>Georg J\u00e4ger: Erinnerungen aus meinem Leben<br \/>\nArchiv der Di\u00f6zese Gurk in Klagenfurt, Priester-Personalakt Georg J\u00e4ger<\/li>\n<li>Georg J\u00e4ger: Das Selbstbewu\u00dftsein Jesu<br \/>\nGraz 1910, http:\/\/permalink.obvsg.at\/AC11630290<\/li>\n<li>Karl-Hellmuth Jahnke: Ein Buch wird 60 \/ Prof. Dr. J\u00e4ger \u201eJestetten und seine Umgebung\u201c<br \/>\nJestetter Dorfchronik 1990, Seiten 79-81<\/li>\n<li>Schaffhauser Zeitung<br \/>\nvorhanden in: Stadtbibliothek Schaffhausen<\/li>\n<li>Tagblatt vom Oberrhein<br \/>\nvorhanden in: Stadtarchiv Waldshut-Tiengen<\/li>\n<\/ol>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Ein herzlicher Dank geht an das Erzbisch\u00f6fliche Archiv Freiburg, das Di\u00f6zesanarchiv Wien, das Archiv der Di\u00f6zese Gurk und das Stadtarchiv Waldshut-Tiengen.<\/p>\n<h3>Fu\u00dfnoten:<\/h3>\n<p><a href=\"#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Gemeint ist hier das \u201eTagblatt vom Oberrhein\u201c<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Aus dieser Zeit ist J\u00e4ger noch vielen damaligen Ministranten bekannt.<\/p>\n<p><a href=\"#_ftnref3\" name=\"_ftn3\">[3]<\/a> Die Zentrumspartei verstand sich als Volkspartei und kam haupts\u00e4chlich aus dem politischen Katholizismus. Das auch in Jestetten vertretene Zentrum war bis 1933 eine der wichtigsten Parteien in Deutschland.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Konrad Schlude, Simon Schlude<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<div class=\"mh-excerpt\"><p>Einleitung Das Buch \u201eJestetten und seine Umgebung\u201c(2) aus dem Jahr 1930 war \u00fcber viele Jahrzehnte hinweg die heimatkundliche Referenz f\u00fcr Jestetten. 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