Dr. Georg Jäger – Versuch einer Annäherung

Dr. Georg Jäger

Das Buch „Jestetten und seine Umgebung“ aus dem Jahr 1930 war über Jahrzehnte die heimatkundliche Referenz für Jestetten. Als Autor wird „Dr. Georg Jäger / Professor i. R.“ genannt, und im Vorwort bezeichnet sich der Autor als „Ausländer“. Welche Person steckt hinter dem Namen, woher kam Georg Jäger, was hat er in Jestetten gemacht, wohin ist er dann gegangen?

Diese Seite ist der Versuch, die aktuell vorhandenen Informationen aufzulisten. Ziel ist es, diese Seite zu einem Artikel für die Dorfchronik auszubauen. Die Lücken sollen im Lauf der Zeit gefüllt werden.

Als Quellen dienen einige Artikel aus dem Tagblatt vom Oberrhein, Informationen aus den Archiven in Freiburg, Wien und Klagenfurt; dazu gehören insbesondere die von Jäger geschriebenen „Erinnerungen aus meinem Leben“.


Werdegang

Georg Jäger wurde am 23.3.1883 geboren. 1906 promovierte er in Rom, am 28.10.1908 wurde er zum Priester geweiht.

Titel der Dissertation: Das Selbstbewußtsein Jesu, Graz, ca. 1910, http://permalink.obvsg.at/AC11630290

Das Selbstbewußtsein Jesu bestimmen heißt also nichts anderes als feststellen, was Jesus seiner menschlichen Seele nach von sich gehalten hat

In Schaffhausen

In Schaffhausen war Jäger in der Seelsorge tätig und fungierte als Redakteur bei der katholischen „Schaffhauser Zeitung“.

In Jestetten

Im Herbst 1929 kam Georg Jäger nach Jestetten. Jedenfalls findet sich in der Personalakte von Pfarrer Braun im Jahresbericht für 1929 der Hinweis, dass Braun in Dr. Jäger einen fleißigen Mitarbeiter hätte.

Nach dem Ende der Exerzitien wollte er ursprünglich wieder zurück nach Österreich, aber da Jägers Gesundheit trotz Besserung nach wie vor angeschlagen war, betraute Pfarrer Braun ihn mit der Organisation des Pfarrarchivs und setzte ihn in der Seelsorge ein.

Die Entstehung des Heimatbuches

Die Organisation des Pfarrarchivs war der Beginn der Arbeit am Dorfbuch. Bemerkenswert ist dabei unter anderem, wie schnell dieses Buch zustande gekommen ist. In gerade einem Jahr wurde „Jestetten und seine Umgebung“ fertiggestellt. Wie Jäger im Vorwort schreibt, konnte er auf gewisse Vorarbeiten aufbauen, aber trotzdem beeindruckt die Leistung.

Wiewohl Ausländer, hat sich der Verfasser an dieses Heimatbuch gewagt, angeregt druch die Aufzeichnungen, die der langjährige Ortspfarrer Valentin Ketterer (gest. 1924) aus verschiedenen Quellen gesammelt und im Pfarrarchiv hinterlegt hat, …
(Vorwort „Jestetten und seine Umgebung“)

 

Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Georg Jäger wurde zur Zielscheibe des heraufziehenden Nationalsozialismus, siehe Artikel über die Zentrumspartei. Dies war wohl mit ein Grund dafür, dass Jäger Jestetten im Januar 1933 verlassen hat.

http://www.cdu-wt.de/jestetten/geschichte/vorgeschichte.php

Die Artikel aus dem „Tagblatt vom Oberrhein“ liefern hier interessante Einblicke.

Jestetten. Die Volksbildungsvorträge, die Herr Dr. G. Jäger von Zeit zu Zeit hier hält, erfreuen sich großer Beliebtheit. Am letzten Sonntag sprach er über das zeitgemäße Thema: „Nie wieder Krieg.“ Der Referent zeigte zunächst in durchaus wissenschaftlicher und doch gemeinverständlicher Art, wann ein Krieg nach den Grundsätzen der christlichen Sittenlehre und des Völkerrechtes erlaubt ist und wendete dann diese Grundsätze auf den modernen Krieg an, der der Hauptsache nach ein Luft- und Giftgaskrieg sein wird. In packender Weise wurde der Nachweis erbracht, daß ein solcher Krieg unter allen Umständen ungerecht und unerlaubt ist, und daraus der Schluß gezogen, daß wir gegenüber der Kriegshetze, die vom nimmersatten Kapitalismus einerseits und vom nationalen Chauvinismus andererseits ausgeht, mit allen Kräften für den Völkerfrieden arbeiten müssen. Dem Vortrag wohnten auch einige Nationalsozialisten bei, von denen einer in die Diskussion eingegriffen hat. Obwohl er auf die Sache gar nicht eingegangen ist und die Darlegungen des Referenten in keiner Weise widerlegte, sondern lediglich einige nationalsozialistische Sprüche zum Besten gegeben hat, ließ man ihn – im Gegensatz zur nationalsozialistischen Versammlungstaktik – ruhig zu Ende sprechen. Der Referent begnügte sich in der Entgegnung darum auch damit, gegen der nationalsozialistischen Kriegsbegeisterung darauf hinzuweisen, daß es wohl leicht sei, das Volk in gefährliche hineinzustürzen und das Staatsgebäuce in Trümmer zu legen, aber schwer, aus den Trümmern wieder ein wohnliches Haus für das verelendete Volk aufzubauen.
(Tagblatt vom Oberrhein, 26.2.1931)

Die Folge war, dass Jäger in der NS-Presse scharf angegriffen wurde. In einem Leserbrief entgegnete Jäger.

Jestetten. Der „Oberbadischen“ ins Stammbuch. Wiederum sieht sich die „Oberbadische Zeitung“ in ihrer Samstagsnummer veranlaßt, sich mit meinem Vortrag „Nie wieder Krieg“, oder besser mit meiner Person zu befassen. Da aber der betreffende Artikel voll von Entstellungen und Verdrehungen ist und gegen den journalistischen Anstand verstößt, halte ich es unter meiner Würde, darauf zu reagieren. Diejenigen, die den Vortrag gehört haben, werden, mögen sie nun dieser oder jener Partei angehören, wissen, was sie von dem Geschreibsel zu halten haben. Lediglich die Pflicht der Dankbarkeit zwingt mich zu diesen Zeilen. Es ist fast zuviel der Ehre, die mir die „Oberbadische“ in letzter Zeit schon angetan hat – denn als eine Ehre betrachte ich es, in diesem Blatte angegriffen zu werden – im erwähnten Artikel allein ist mein Name nicht weniger als 15mal, sage und schreibe „fünfzehnmal“ genannt! Wie soll ich den Dank dafür erstatten? Einzig dadurch, daß ich fortfahre, das Volk über wichtige Zeitfragen aufzuklären. Nur eines noch: Ich kenne besser als die Nationalsozialisten die schwere Gefahr, die vom Osten her im Bolschewismus heraufsteigt, nicht bloß für das deutsche Volk, sondern für alle Länder Europas, ja für die gesamte christliche Kultur, und darum weiß ich gar wohl, wie notwendig es ist, daß nicht bloß das deutsche Volk sich einige, sondern daß alle christlichen Völker sich zusammenschließen, um durch die Behebung der Weltwirtschaftskrise, durch Schaffung einer besseren, auf den Fundamenten der Gerechtigkeit und Liebe aufgebauten Wirtschaftsordnung, nicht zuletzt durch Stärkung der moralischen Kräfte, durch Förderung von Religion und Sittlichkeit der bolschewistischen Welle einen unübersteigbaren Damm entgegenzusetzen. Aber ich weiß auch, daß die Nationalsozialisten mit ihrer Katastrophenpolitik nur die Wegbereiter des Bolschewismus sind, und wenn es, was Gott von unserem ohnehin so schwer heimgesuchten Volke abwenden möge, zu einem gewaltsamen Umsturz kommt, dann werden wir nicht die „Segnungen“ des Dritten Reiches, sondern die „Segnungen“ des Bolschewismus zu spüren bekommen.  Dr. G. Jäger
(Tagblatt vom Oberrhein, 5.3.1931)

Auch angesichts der Angriffe führte Jäger seine Vortragsreihe fort.

Jestetten. Vortrag. Am vergangenen Sonntag hielt hier im „Salmen“ Herr Prof. Dr. Jäger einen Vortrag, dem er das Thema „Friedensarbeit“ zugrunde gelegt hatte. Es bildete dies die Ergänzung zu den vor zwei Wochen gemachten Ausführungen über „Nie wieder Krieg.“ Im modernen Krieg kämpfen nicht bloß Armeen gegen Armeen, sondern es wird ein Kampf aller gegen alle sein, wobei auch Zivilpersonen, Frauen, Greise, Kinder, keine Schonung finden werden. Einen Vorgeschmack gab davon ja schon der Weltkrieg mit seiner Hungerblockade und den Fliegerangriffen auf wehrlose Städte. Nur wird im Kriege der Zukunft die Chemie mit ihrem Giftgas und ihren Seuchenbakterien eine noch viel unheimlichere Rolle spielen wie im verflossenen Krieg. Ganz abgesehen von der Unmoral des Krieges überhaupt, zwingt schon allein diese Tatsache unbedingt zur einzig richtigen Folgerung: sich mit aller Kraft für die Erhaltung des Völkerfriedens einzusetzen. Die Gewalttat der Einzelperson seinem Mitmenschen gegenüber ist unerlaubt und verbrecherisch. Dasselbe gilt aber auch im Verkehr der Völker untereinander; denn das Gesetz, das Gott auf Sinai gegeben, gilt nicht bloß im Privatleben, sondern überall, also auch in der Politik. Der Lehre macchiavellis von der Staatsallmacht und dem Grundsatz: „Gewalt, Macht, geht vor Recht“, ist die katholische Staatsweisheit entgegenzuhalten, die sich in ihren  letzten Grundzügen kurz in die Formel prägen läßt: „Was du nicht willst, das man dir tut, das füg´ auch keinem andern zu.“ – Streitigkeiten, die zwischen den einzelnen Völkern entstehen, können auch auf friedlichem Wege geschlichtet werden. Dieses Ideal zu verwirklichen, sind schon beachtliche Ansätze vorhanden. So das Haager Schiedsgericht, der Völkerbund, die Genfer Abkommen, die Locarno-Verträge und der Kelloggpakt. Als wahre Friedensfreunde haben sich ganz besonders die letzten Päpste erwiesen, angefangen bei Leo 13., der schon in den 90er Jahren  scharfe Stellung gegen die damaligen Rüstungen nahm, über den heiligmäßigen Papst Pius 10., den Friedenspapst Benedikt 15., bis zu Pius 11., unserem gegenwärtigen Hl. Vater, der sich als Wahlspruch: „Der Friede Christ im Reiche Christi“, erwählt hat. Auch Freimaurer, Sozialisten u.a. bezeichnen sich als Friedensfreunde, als Pazifisten. Doch besteht zwischen ihren Motiven, die sie dazu veranlaßt, und denjenigen der katholischen Friedensbewegung ein fundamentaler Unterschied. – Nicht nur materielle sondern auch moralische Abrüstung unter den Völkern ist nötig, um den Weltfrieden zu erhalten. Darum kann und soll jeder mitarbeiten durch Bekämpfung jedwelchen Kriegsgedankens. – In diesem Sinne bewegten sich die wirklich zeitgemäßen Ausführungen des Herrn Dr. Jägers, wofür er dankbaren Beifall entgegennehmen durfte. Er benützte auch noch die Gelegenheit, die Angriffe treffend zu widerlegen, die anläßlich seines letzten Referates gegen ihn in der „Oberbadischen Zeitung“ gemacht wurden. Die kurze Diskussion verlief in zustimmendem Sinne zu den Darlegungen des Hauptredners. Herr Hauptlehrer Berthold, der der Versammlung ein umsichtiger Leiter war, machte ebenfalls noch einige ergänzende Bemerkungen. Die Versammlung nahm einen durchaus anregenden Verlauf und dürfte wohl bei den Teilnehmern den Wunsch wachgerufen haben, noch oft solche aufklärenden Vorträge zu hören.
(Tagblatt vom Oberrhein, 12.3.1931)

Die Zeit nach Jestetten

Jäger reiste von Jestetten nach Wien. In den Folgejahren kam er aber mehrfach für Besuche wieder nach Jestetten zurück. Wohl in der zweiten Hälfte der 50er Jahre entstanden seine Lebenserinnerungen. Dr. Georg Jäger starb 29.3.1962.